Frage ich Selbständige, ob sie sich als Unternehmer fühlen, höre ich regelmäßig ein Nein. Doch warum können so viele nicht anerkennen, dass sie genau dies sind?
Für einige hat „Unternehmer sein“ den Beigeschmack, sich anpreisen zu müssen. Und sich anzupreisen – das liegt ihnen nicht. Außerdem ist da noch der Druck, Erwartungen erfüllen zu müssen, die man nicht immer erfüllen kann. Dieser Druck macht ihnen Angst. Dabei haben sie sich doch bewusst dazu entschieden, selbständig zu sein und wollen es genießen!
Wie können es diese Unternehmer – denn das sind sie sehr wohl – schaffen, sich als solche wohl in ihrer Haut zu fühlen?
Havi Brooks hat dieses Problem für sich gelöst. Havi ist eine amerikanische Bloggerin und Unternehmerin, die gemeinsam mit ihrer Ente Selma das Blog „The Fluent Self“ betreibt. Ihr Thema ist „Destuckification“, ein von ihr kreierter Begriff, der so viel bedeutet wie: Wie geht es weiter, wenn man feststeckt („to be stuck“)? Was tun, wenn man mit einer Aufgabe nicht mehr weiterkommt?
Havi bezeichnet sich als Piratenkönigin. Sie hat sich die Piraten-Metapher bewusst ausgedacht, weil sie wie viele andere Selbständige ein Problem mit Begriffen wie „Unternehmer sein“ hat. Auch für Havi ist damit verbunden, Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu müssen. Doch etwas in ihre erlaubte ihr das nicht – aus der Angst heraus, andere Menschen könnten sie dafür ablehnen oder eifersüchtig sein.
Seit sie sich daran erinnert, dass sie eigentlich eine Piratenkönigin ist, sieht die Sache anders aus. Dann spürt sie Stärke und Leistungsfähigkeit. Sie wird sich dann ihrer Ausstrahlung bewusst, ihrer Lebendigkeit, Entschlossenheit und Einzigartigkeit – und daraus ergibt sich für sie quasi die Verpflichtung, sich zu zeigen und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Was für eine wunderschöne Metapher! Ich denke dabei an Ephraim und Pipi Langstrumpf, an Captain Jack Sparrow, an Störtebeker und den FC St. Pauli.
Und Captain Havi geht noch weiter: Ihre Mitarbeiter sind die Piraten-Crew, ein Meeting ist der Rat der betrunkenen Piraten. Anstatt ihre Steuererklärung zu machen besucht sie ihre Schatzhöhle und zählt ihre Schätze. Dann zahlt sie einen Tribut an die edlen Länder, die ihr erlaubt haben deren Häfen zu benutzen. Was ihr sonst immer widerstrebte, wurde dadurch zu einem festlichen Ritual. Ist das nicht fantastisch?
So manch einer mag dies für eine kindische Traumvorstellung halten, die einem im „wahren Leben“ in keinster Weise weiterhilft. Doch damit würde man voraussetzen, dass Begriffe wie „Unternehmer sein“ und „Selbständigkeit“ die objektiv richtigen Worte sind. Und genau das ist der Punkt: Sprache ist nicht objektiv. Sprachforscher wissen heute, dass sie immer subjektiv ist. Jeder von uns verbindet mit einem Wort eigene Erfahrungen, setzt es in seinen ganz persönlichen Bezugsrahmen. Ein vermeintlich simples Wort kann mit einer ganzen Fülle von Wertvorstellungen behaftet sein – positiven wie negativen.
So bedeutet für manchen Unternehmer „selbständig sein“, sich stets anpreisen und alle Kunden zufrieden stellen zu müssen. Als „Piraten-König“ jedoch hätte er womöglich plötzlich Spaß daran: auf große Reise gehen, Beute erobern und Schätze mit nach Hause bringen.
Keine Lust auf Piraten-Storys? Wer mit dieser Metapher eher an die entführten Schiffe im Golf von Aden denkt, sei hiermit aufgefordert, sich auf die Suche nach jenen Worten zu begeben, mit denen sich „Unternehmer sein“ für ihn persönlich am besten anfühlt. Wie wäre es mit einem Archäologen, der etwas Wertvolles freilegt, einem Astronauten, der sich ins All begibt, um neue Planeten zu entdecken oder – etwas bodenständiger – mit einem Gärtner, der in seinem Gewächshaus besonders schöne Blumen heranzieht?
Es ist eine Kompetenz, sich nicht den kulturell dominierenden sprachlichen Rahmen überzustülpen. Wer sich einen eigenen suchen will, um sich besser zu fühlen: nur zu! Man muss ja nicht wie Havi gleich die ganze Welt daran teilhaben lassen, sondern kann nach außen hin weiterhin „selbständig“ und „Unternehmer“ sein.
Hauptsache, man hat jede Menge Spaß beim Erobern, Entdecken, Beute machen und Schätze finden. Nur dann kann man erfolgreich sein.
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2 Kommentare
Wow. Das ist doch lieb. Ich hab mich total gefreut! Vielen Dank. Noch dazu: das Foto finde ich eigentlich toll. Jetzt muss ich unbedingt die Haare rot färben.
na dann würde ich sagen, habe ich alles richtig gemacht oder?
Ein Trackback
[...] die Piratenkönigin, mit ihrer Ente Selma inspiriert hat. In diesem wirklich unterhaltsamen Artikel beschreibt Timm, wie durch eine kleine Änderung der Sichtweise ungeliebte Ausdrücke ihren [...]